Mittwoch, 9. August,  5. Tag: Wie ich anfing zu wandern ohne zu wandern

Eigentlich beginnt dieser Tag schon gestern Abend (Auflösung Cliffhänger vom letzten Blogbeitrag, sprich 8. August ;-)). Zwar fand ich die Quarklösung super (ich bin sicher, meine Mutti wird sich auch freuen) und sie half auch tatsächlich. Aber klar war mir schon bei Ankunft im Naturcamp Triangel, dass selbst wenn die Füße morgens gut aussehen sollten, es einfach nicht schlau wäre, weiterzulaufen. Es wäre sogar ziemlich dumm. Das lehrten mich schließlich auch die ersten Kilometer des letzten Tages… Aber wie sollte ich voran kommen, ohne einfach nur in Öffis zu steigen? Ich wollte schließlich so gut es geht aus eigener Kraft zur Hochzeit wandern.

Da besann ich mich auf die Woche Fortbildung vor meiner Wanderung, sah mich um, blickte auf die Karte, sprach mit Sibyl vom Naturcamp. Wir schauen zusammen auf meine Karte, ich schau in meinen Geldbeutel und tief in mein Herz: Japp, das mach ich! Sibyl ist begeistert, ich bin begeistert – und so entspannt schlaf ich auch trotz starkem Regen in der Nacht ein.

Der nächste Morgen: Gutes Zeichen, der Regen ist der Sonne gewichen. Zustand der Füße: Viel besser als gestern! Hätte ich doch wandern können? Nein, ich bin ziemlich sicher, dass es nach spätestens 4-5 Kilometern zu einem ähnlichen Problem gekommen wäre wie den Abend zuvor. Sie bekommen noch ne Quarkpackung und dann kann es losgehen mit dem Wandern.

Dem Flusswandern. 😀

Das stimmt natürlich nicht ganz, denn es ist ein Kanal auf den ich mich begebe, aber ich mag nun mal Wortspiele und wenn ihr das hier lest, müsst ihr da mit durch. 😉 Aber das Prinzip stimmt: Ich leihe mir für die nächsten drei Tage ein 2er Reise-Kayak und werde so weiter auf meinem Weg gen Lübbenow bleiben können, aus eigener Muskelkraft. Bäm! Ich bin Feuer und Flamme und freue mich des Todes über diesen spontanen Wechsel, auch wenn ich dafür etwas vom Kurs abkomme: Ich kann mir ja schlecht die Kanäle und Seen so zurecht legen, dass sie mir den direkten Weg zum Ziel fließen. Zu Anfang wäre ich schon glücklich gewesen, wenn ich mächtig gewesen wäre, die Fließrichtung zu ändern 😉

 

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Gemütliches Dahinschippern auf dem Finowkanal

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Völligste Freude schon nach den ersten hundert Metern

Doch der Gegenwind macht mir nichts: Mal gemütlich, mal mit mehr Anstrengung paddel ich den Alten Finowkanal gen Westen, unterbrochen nur von den sehr häufigen Schleusen (dafür zum Teil aus den Jahren um 1830), die allerdings prächtig abgestimmt sind: Sobald der Schleuser mich auf die andere Seite gehoben hat, telefoniert er die nächste an, die mich dann fast immer sofort weiter verarztet. Gutes System, außer dass ich zu fast keiner Pause komme 😉 Was ich heute ansteuer, weiß ich allerdings eh noch nicht. Erstmal schauen, was ich so am Tag/in der Stunde paddele. Auf meiner Wanderkarte ist erstmal kein Campingplatz eingezeichnet, so formt sich in meinem Kopf die Idee, an das Bootsabenteuer doch auch noch einen Zeltplatz irgendwo am Kanal zu finden. So für mich alleine.

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Mein gelbes Geschoss: Das Rainbow-Kayak an einem Anleger vor einer Schleuse

Dafür schaffe ich es, hinter einer der Schleusen anzulegen (das mögen die nicht so gern, wenn man dann durch das Schleusen-Grundstück muss, verboten, Regeln einhalten und so…), und der Schleuser wartet mit der Meldung, bis ich von einer kleinen Einkaufstour zurück bin: Wasser, Käse, Äpfel, Schoki, was man halt so für ein wildes Camp braucht. Besagter Schleuser informiert mich auch, dass ich spätestens halb fünf an der nächsten Schleuse sein muss, um 17 Uhr ist nämlich Schicht im Schacht. Da ich bisher aber eher schneller unterwegs war, als die netten Helfer vermuteten, paddel ich nicht auf Teufel komm raus.

Und packe die Schleuse natürlich trotzdem (mal ehrlich?, wieviele von euch haben gedacht, ich hätt’s nicht mehr geschafft? ;-)). Die einzige Dame in dieser Riege (und es waren bestimmt 7 oder 8 Schleusen) erzählt mir dann von einem Campingplatz circa zwei Kilometer hinter der Schleuse und gibt mir sogar einen Flyer mit. Komischerweise betrübt mich der Gedanke. Als hätte ich nun ja gar nicht das Recht dazu, mir einfach einen Platz zu suchen (obwohl schon einige an, in und um die Schleusen herum mich bestätigt haben, dass das kein Problem wäre), weil da gibt es ja einen offiziellen. Warum also etwas „riskieren“? Es betrübt mich, weil es sich nun gezwungener in mir anfühlt, mir eine Platz für mich alleine zu suchen. Denn an dem Plan halt ich fest, ich hab mich schon so an der Vorstellung von einem idyllischen Ort, wo nur mein Kanu, mein Zelt und ich sind, fest gebissen.

Obwohl das Ufer lange Zeit nach der Schleuse gar nicht so gut geeignet ist: Mehr Sumpf, dichter Baumbewuchs und hohes Gras als eine Lichtung für mich. Klar zweifel ich, aber umdrehen zu dem Campingplatz, der mir von außen nicht gefallen hat (so geschniegelt, als würden abends Animateuren rumlaufen, um zur Show zu bitten – was wahrscheinlich nicht der Fall ist, weil hier alle Campingplätze sehr in die Natur eingebunden und doch eher unaufgeregt sind, also warum sollte das hier am Rande eines Biosphärengebietes anders sein, aber egal, ich schweife mal wieder ab…). Also umdrehen, ne! Ich paddel gemütlich weiter (keine Gegenströmung mehr, yeah!), bis ich einen Platz erspähe, der sich sofort anbietet.

 

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Mein Platz für heute Nacht (am nächsten Morgen aufgenommen)

Auch wenn er am „falschen“ Ufer ist (ich wäre gerne auf der anderen Seire gewesen, um der Sonne beim Untergehen zuzusehen): Zwischen unbetretbaren Bäumen und Schilf, öffnet sich ein Stück Grün, das wohl zumindest schon mal als Lagerfeuer-Stelle genutzt wurde. Nach erster Mücken-Abwehraktion und Besichtigung, beschließ ich hierzubleiben. Euphorie mag sich irgendwie trotzdem nicht ganz einstellen: Ein bisschen mulmig ist mir schon. Werden Tier durch mein Essen oder die Reste davon angelockt werden? Und wenn ja, was würde passieren? Was ist mit den richtig dicken, großen toten Ästen der Kiefern über mir? Werden die, falls der sich ankündigende Wind und Regen heut Nacht kommt, halten oder mich bei einem gegebenenfalls Abbrechen treffen?

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Essen tue ich noch draußen, aber die Mücken jagen mich schnell rein

Tatsächlich gehe ich also mit mulmigen Gefühl ins Zelt. Klar habe ich mittlerweile schon öfter allein irgendwo draußen gepennt. Aber so weit draußen im nirgendwo? Vorne das Wasser, dahinter nur Wald, das ist auch für mich neu. Ich lausche den Geräuschen um mich rum, kann mindestens fünf verschiedene Vogelstimmen raushören, höre irgendwo Katzen fighten, dann Hunde bellen, die verhassten Mücken surren an meinem Ohr (aber draußen,  hah!), der Wind geht durch die Blätter, aber noch nicht arg, mehr Sorge macht mir der hämmernde Specht (wehe der hackt an meinen zwei Kiefern!), ich höre di Enten im Kanal plätschern und das zirpen der Grillen. Solange ich noch was sehen kann, schau ich durch die eine Öffnung des Zeltes auf die Kanal-Landschaft, auf der anderen Seite in den Wald. Als die Angst vor ein paar Minuten sehr präsent war, wollte ich eigentlich einfach die Kopfhörer in die Ohren stecken, Augen schließen und mit Musik schnell einschlafen.

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Doch jetzt versuche ich das Alles um mich rum aufzunehmen, mitzunehmen, einzunehmen. Mich dem auszusetzen war im Nachhinein das Beste was ich hätte tun können: Nachdem die Nacht total friedlich (Regen und Wind haben alles nass, aber keine Astschäden gemacht ;)), weiß ich das Erlebnis zu schätzen und – trotz Nacktschnecken an meinem Zelt und eigentlich überall – bin froh, mich genau so entschieden zu haben.

Gelaufene Kilometer: zu vernachlässigen 😉

Gepaddelt Kilometer: ca. 20 km

Motto des Tages: Wer nicht laufen kann, muss paddeln gehn

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