Dienstag, 8. August, 4. Tag: Hanna Specialé

Speziell, das war der Tag wirklich. Dabei ist es wie immer: Im Nachhinein nur halb so tragisch. Vor allem jetzt, da ich den Text unterbrechen musste, weil die untergehende Sonne die Wolken über dem Oder-Havel-Kanal rosarot färbt und das viel schöner anzusehen ist wie das Neon des Tablet-Bildschirms. Und noch einmal, weil sich endlich der Verursacher der Fressgeräusche zeigt, die ich seit ich mich an den Kanal gesetzt habe höre. Ein Bieber! Ich bin in heller Aufregung, winke den kleinen Jungen in meiner Nähe herbei und wir folgen dem schwimmenden Tier, bis es untertaucht. Keine 5 Minuten später entdecke ich noch einen, der noch am Ufer ist: So riesig! Ich bin fasziniert und beschäftige mich die nächste halbe Stunde mit den Nagern, bis ich vor den Mücken zurück ins Zelt flüchte und nun weiter berichten kann.

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Was ich damit sagen wollte: Es läuft vielleicht nicht alles ganz nach Plan, mit Sicherheit läuft sogar einiges so ganz und gar nicht nach Plan. Aber solange man damit konstruktiv umgeht, sitzt man am Ende an einem Kanal und schaut Biebern beim Fressen oder Bau bauen zu während die Sonne untergeht. Könnte mir schlechter gehen, wenn ich bedenke, was ich heute morgen noch gerissen habe. Und welche Gedanken hin und her gewälzt.

Keinen einzigen Gedanken habe ich allerdings gewälzt, als ich es hätte tun sollen. Nämlich als ich heut morgen gegen 10 Uhr (den gemütlichen Start habe ich mir nach gestern gegönnt) den Campingplatz verließ. Eigentlich sogar noch früher, vor dem Anziehen der Schuhe wäre schon nicht undumm gewesen: Mit Blasenpflastern über den noch am stärksten geröteten Stellen (kleine Fußzehen), hätte ich vielleicht – vielleicht!!! – keinen Quark am Abend gebraucht. Doch ich schweife ab.

Am Zeltplatz also war ich total gedankenlos weil prima gelaunt und Bock auf einen Tag Uferwege, nach der ersten Stunde schön am See rasten und frühstücken, dann nach so 15 km überlegen, läufst du einen Schlenker westlich (Richtung Biesenthal zu einer Freundin, die allerdings grad nicht zuhause ist) oder bleib ich Kurs nordöstlich um nicht zusätzlich Kilometer zu machen. So lief ich dahin schweifend dahin, im Kopf kurz aufgeblinkt den Satz des Platzwartes („Ach der 66-Seenweg, ja der geht ja unten am Campingplatz vorbei und dann durch), also unten raus, dem See weiter entlang. Langsam entstand in mir der Plan,  ja,  ich lauf so 20 km und such mir dann weiter Nordost ein Biwak-Platz für mein Zelt, so richtig schön irgendwo frei und allein zelten, da hab ich Bock drauf. Und so lief ich beschwingt dahin, die Füße waren besser als gestern befürchtet, und ich freute mich schon, heut abend hier schreiben zu können: „Der Weg war so herrlich schön unaufgeregt…“

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Ok, bevor ich euch noch länger aufhalte oder versuche, mich zu erklären und Entschuldigungen aufzuführen bevor überhaupt was passiert ist, und um den heißen Brei drumrumzureden nur um folgenden Satz nicht schreiben zu müssen:

Ich bin einmal um den ganzen besch$÷@*¥ See rumgelaufen. Zurück zum Campingplatz. Hanna very spezial eben. Mal eben 5,5 km „umsonst“ gelaufen. Nicht gut.

Vor allem wenn man den Tag davor 34 km gelaufen ist und einen humanen Gang einlegen wollte. Wie gesagt, ich könnt euch noch ein paar Gründe aufzählen, warum ich so dumm sein konnte, einmal im Kreis um ein und denselben See zu laufen, statt einfach weiter nördlich – ja ich weiß, Sonne entweder rechts von mir oder im Rücken um die Vor-/ Mittagszeit, zum nächsten See zu laufen. Aber ich selbst verstehe es erst als ich tatsächlich wieder am Campingplatz bin.

Zuvor treff ich vier Berliner, die mir aus meiner bereits entstandenen Verwirrung (eine unklare Kreuzung mit Schildern sowie Sonnenstand und Karte haben nach etwa 3,5-4,0 km nicht ganz zusammen gepasst, aber da wars schon geschehen) raushelfen und mich auf das Unausweichliche vorbereiten. Daher bin ich tatsächlich noch gar nicht so mega abgefuckt von der Situation: Klar ärger ich mich, weil es unter Umständen meine erdachten Pläne zunichte macht (wer nicht oft wandern geht: Bei 20 km machen 5-6 km mehr am Ende viel aus),und weil es sich immer schlecht anfühlt, falsch gelaufen zu sein (vor allem im Kreis!). Doch, der Weg war tatsächlich so entspannt und schön, unaufgeregt eben, und ich so gut gelaunt, solange ich unwissend war, dass ich es recht gelassen hinnehme (zumindest sagen dass die Berliner ;)).

Richtig ärgern tue ich mich erst, als ich wieder am Tor des Campingplatzes stehe, unterhalb natürlich, und trotzdem nicht verstehe, wo ich hätte lang gehen müssen, ergo wo ich jetzt auch lang soll. Ich gehe an drei verschiedene Wegekreuzungen mit diversen Schildern und Wegekennzeichen ohne Pfeile, versuche dem Sonnenstand und der Karte nach mich zu verorten und den richtigen Weg. Bis ich schnalle, dass es oberhalb des Campingplatzes – also nicht am Ufer, sondern irgendwo hoch weg vom See – tatsächlich einen wunderbar eindeutigen Wegweise gibt, habe ich weiter 500 m verloren. Jetzt ärger ich mich. Wegen mir, wegen der Kennzeichnung des Wegs, wegen dem Platzwart, wegen allem,aber vor allem wegen mir.

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Den Wegweiser hätte ich morgens gebraucht, leider stand er oberhalb des Campingplatzes, nicht unterhalb…

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Hanna specialé 1: „Mist, dass war ganz schön doof“

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Hanna specialé 2: „Naja, bins ja gewohnt, weiter gehts“

Das hört sich jetzt vielleicht an, als wäre ich wie Rumpelstielzchen durch den Wald gewandert, aber eigentlich wars kurz drauf schon fast wieder egal, weil ich ein andres Problem hatte. Meine tapferen Füße. Wenn das nach sechs Kilometer schon wieder so anfängt zu brennen und unangenehm bei jedem Schritt ist, dann sind auch keine 20, eigentlich auch schon keine 15 Kilometer mehr drin. Ich mache die verdiente Frühstückspause am „Malerblick“ kurz vor 12 Uhr. Ein Blick auf die Karte, ein Blick nach Innen, noch ein Blick auf die Karte, noch ein tieferer nach Innen.

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Rast am Malerblick, Rast um einen  neuen Plan zu schmieden

Ich beschließe, zu cheaten. Man muss auch mal über seinem kleinen hüpfenden Ego stehen und zulassen, dass es so keinen Sinn hat, die ganze Strecke bis Lübbenow zu laufen. So gern ich würde. Aber Spaß wäre das so leider nicht mehr. Also gebe ich meinen Füßen was sie zu brauchen scheinen: ne Pause. Drei Kilometer müssen wir drei noch, dann erreich ich auf den zwei Geplagten die Bushaltestelle in Leunberg. Über eine Stunde bis der Bus fährt, egal.

Ich schleppe mich noch 200 m weiter bis zu eimem Bäcker, wo ich draußen meine Schuhe und Socken ausziehe. Böser Fehler. Überhaupt nicht gut, dagegen war gestern abend Ponyhof. Ansätze von dem, was ich mal salopp rote Grätze nenne, habe ich auf all meinen Touren gehabt. Eine Reaktion auf Schweiß, Reibung und Sockenmaterial. Ansätze. Das ist ne Nummer härter. Warum? Ich bin nicht sicher. Ich trage andere Schuhe als sonst, weil ich für den Sommer leichtere haben wollte, als das Paar, das ich bei meinen Frühjahrstouren an hatte. Aber eingelaufen waren sie schon, bequem dachte ich auch. Die 35 km von gestern? Mehr Schweiß wegen den Temperaturen? Die ganzen Stiche? Keine Ahnung, aber es it wie es it und et kümmt wie et kümmt.

Im Bäcker lerne ich zwei nette Rentner kennen, wir tauschen Geschichten aus übers Wandern, den Garten und die Einkaufsfahrten der Berliner nach Polen und zurück. Die Zeit vergeht so wie im Flug und schon sitze ich bequem im Bus nach Bad Freienwalde. Den endgültigen Plan schmiede ich erst beim x-ten Male studieren der Karte: Per Zufall entdecke ich die Worte „Naturcamp Triangel“ etwas nordwestlich von Bad Freienwalde, was meiner Zielrichtung mehr entspricht. Da ich grad genug Netz für eine Suchmaschine habe, finde ich raus, dass es tatsächlich auch ein Zeltplatz ist, nicht nur Veranstalter o.ä.. Was ich auf der Homepage lese, bestärkt mich, genau dorthin zu gehen. Wild zelten wäre schön, aber in der Nähe von Menschen zu sein, die dir ggf. medizinisch oder mit einem Transport helfen können, auch. Merkt ihr, meine lieben LeserInnen, wie ich älter geworden bin? 😉 Nix mehr mit Augen zu und durch, die Dame hört mittlerweile auf die Zeichen des Körpers. Manchmal zumindest 😀

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Schweiß auf den letzten 3 Kilometer

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Quark für die entzündeten Füße: Hilft mega!

Also in Bad Schießmichtod nochmal in den Zug, zwei Stationen bis Niederminow, zwei Blasenpflaster an die kleenen Zehen gegen die Reibung und nochmal 3 km Straße (…) in der mittlerweile brennenden Sonne (…) bis zum Naturcam gelaufen. Der Rest ist Geschichte – toller Platz mit super hilfsbereiter und engagierter Kollektiv-Führung, gutes Essen, Quark-Packung für meine Füße, Kanal sunset watching mit Bieber als Zugabe – und doch fängt grade eine neue an. Denn, werd ich so wirklich weiterlaufen können?!? Diesmal ist es ein richtiger Cliffhänger 😀

Gelaufene Kilometer: 13,4 km

Motto des Tages: Wer nicht inne hält, kommt nicht voran.

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