Freitag, 13. Mai, 4. Tag: Ein Freitag der 13. wie er im Buche steht

Oder auch: Wenn Hanna versucht, clever zu sein, sollte sie es beim nächsten mal lieber lassen. Oder auch: Hannalein, ging allein, in einen großen Wald hinein. Oder auch: Wie hat mein Opa nur in zwölf Tagen den Weg heim geschafft? Oder auch: Alles ist scheiße!, und dann kamen Susanne und Stephan!

 

Ich hätte noch 1000 andere Überschriften für diesen verteufelten Tag,  schlimmere, aber Gott sei Dank komm ich aufgrund leerer Akkus erst heute zum schreiben, und Gott sei Dank traf ich am Ende dieses verfluchten Tages auf Susanne und Stephan, definitiv meine Helden des Tages!

Bis es soweit war, ging ich aber durch eine für meine Verhältnisse relativ große Krise. Wobei die erste Hälfte des Tages noch alles fein war: Ich packe mein Zelt und Klimbim ein und verlasse Scheurenhof früh, um nach nem gemütlichen Weg 5 Kilometer später in Lindlar in einem Café den Tag zu starten und einen Plan zu schmieden, wie ich nach Engelskirchen komme: Auf meiner wunderbaren Karte, auf der zu meinem Glück wirklich nur der eine Weg fehlt, den ich eigentlich laufe (Panoramasteig), sieht es so aus, als wäre ein Wanderweg kürzer als der Steig. Warum also nich?!

Schön entspannt wandern

Schön entspannt wandern

Noch ahnungslos und glücklich

Noch ahnungslos und glücklich

Ich finde den A3 auch tatsächlich ohne große Probleme etwa 3 km später und freu mich wie Bolle, dass ich wenig später die Abzweigung auf den A4 nicht verpasse: Hanna 1, Verwanderweg 0! Wenig später stößt sogar der Panoramasteig wieder dazu – und ich verpasse den A4! Da waren so viele Schilder,  oh man, ok 1 : 1… Aber hey, das ist noch nicht das Schlimme an dem Tag. Ich folge ab da einfach meinem Kompass und der Sonne,  muss so zwar auf breiten Forstwegen Serpentinen hinnehmen,  aber die Sonne lacht durch das Blätterdach und ich laufe recht fröhlich vor mich hin. Nach 7 Kilometern finde ich sogar meinen A4 wieder, freu mich und folge dem keinen Kilometer mehr nach Engelskirchen rein. Ein super niedlicher Ort, umringt von Hügeln und Wald. Tatsächlich bin ich trotz Verlaufen 13 Kilometer gelaufen, auf dem Steig wären es 14,8 gewesen, bäm! 2:1 für Hanna 🙂

Ich kehre ins Café Zinnober ein, hatte mir nach den 30 km gestern ja heute einen entspannten Tag vorgenommen. Typischer Fall von Hätte hätte Fahrradkette. In der Mittagspause wollte ich euch eigentlich den Donnerstag-Bericht mit Fotos hochladen. Jetzt fing der Tag an, den Bach runterzugehen: Dieses Tablet regt mich so dermaßen auf! Unfassbar, fast hätt ichs an die Wand geworfen, Technik,  die nicht funktioniert,  boah ey! Der Akku is richtig im Eimer, die Kombi mit meinem Solarladegerät is auch für die Katz, das war der erste Dämpfer des Tages. Hört sich vielleicht nicht schlimm an, aber so was reizt mich so dermaßen! Wenn das nicht vorgefallen wäre, hätte ich alles danach vielleicht einen Tick besser verkraftet. Vielleicht 😉

So im Nachhinein und einem Tag dazwischen schreibt es sich viel leichter, gestern habe ich zwischenzeitlich gedacht, ich kann euch gar nichts Gutes schreiben. Also, ab hier lief einfach alles schief. Ich hab mich ja schon oft verwandert, aber noch nie VERIRRT. Ich wollte nämlich wieder clever sein und einen kürzeren Weg nach Bielstein (bzw. Wiehltal) nehmen als den Panoramasteig. Auf der Karte sah es so easy aus und so wunderschön mitten durch den Wald und über den Berg! Eigentlich hätte mir die Erfahrung Vormittags eine Warnung sein müssen,  oder das Wissen um die (fast) immer schief gelaufenen Abkürzungen auf Familienwanderungen in meiner Kindheit…

Zunächst find ich zwar den X28 und den A3 wie geplant,  nur um sie 3 km später wieder zu verlieren (nach einem anstrengenden 1,5 km Marsch aufwärts), und kurz darauf wieder zu finden. Soweit so gut. Es geht weiter den Berg hoch bis einfach irgendwann kein Zeichen mehr zu sehen ist, ehrlich. Es  geht nur links oder rechts. Erst laufe ich nach rechts und schaue ob ich weiter vorne wieder ein Zeichen finde. Niente. Ich kehre um und gehe ein Stück zurück, schaue nochmal auf die Bäume kurz vor der Kreuzung. Niente. Ich schaue auf meine Karte, versuche zu schätzen,  an welchem Punkt ich bin, stelle fest: Nichts genaues weiß man nicht, aber die Richtung ist Südost. Logische Konsequenz: Ich biege links ab, rechts waren ja keine Zeichen, geradeaus geht’s nicht, wo ich herkam war auch nix hilfreiches auszumachen.

 

Leider leider leider sind auch auf diesem Weg keine Zeichen zu finden. Hätte ich umdrehen sollen? Vielleicht. Bin ich aber nicht. Jedesmal wenn ich mich zwischen Wegen entscheiden musste, habe ich mich nach Sonne und Kompass entschieden,  also immer gen Süden oder Osten. Alter Schwede. Das ging gar nich, ich kam einfach nicht aus diesem Wald raus! Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr, einem von den sich ständig in die falsche Richtung verlaufenden Forstwegen zu folgen und beschloss, querfeldein in die meiner Meinung nach richtige Richtung zu laufen. Da schimmerte es so grün und hellblau durch die Bäume durch, dass ich die Hoffnung hatte, dass ich auf ein Feld käme,  aus dem Wald raus, um mich von dort aus besser orientieren zu können.

Ja, nee. Hoffnung in aller ehren, die Hoffnung stirbt zu letzt und so, aber einfach Nee. Hinter den großen Bäumen finden sich kleine Bäume, hinter denen wieder große Bäume kommen. Ich schlage mich gefühlt ne halbe Stunde durch zumeist Fichten, kreuz und quer, immer südöstlich sofern die zum Teil zu dicht stehenden Baume es zulassen. 2:2 offiziell, aber innerlich habe ich das Spiel gegen den Verwanderweg schon haushoch verloren. Ich bin jetzt ziemlich aggressiv, fluche laut, zwischendurch texte ich verzweifelt irgendwelche Lieder um („Hannalein ging allein, in den großen Wald hinein, da verirrt, sich das Kind, will hier raus geschwind“, nur eins von vielen…). Als ich einen normalen Weg erspähe und erreiche bin ich tatsächlich so dreist, auszurufen: „Ja man, und warum? Weil ich’s kann!“

Rumirren im Wald

Rumirren im Wald

Es soll aber noch Ewigkeiten dauern, bis ich mich wieder zurecht finde. Der Tag von gestern liegt mir in den Knochen, die Füße wollen nich mehr, ich schwitze wie Hund, der Dreck von der Waldtour brennt auf der Haut, das Wasser wird knapp, die Nerven sind eh schon angefresssen: Eine kaputte Zeltstange (warum ist mir das daheim nich aufgefallen?!), ein kaputtes Campingkissen, ein fast Zeckenbiss, das Schrott-Tablett, alle Akkus sind leer (Handy fast, und ich bin allein verloren im Wald…), und immer wieder – warum mach ich auch so ein Scheiß, statt einfach dem normalen, gut ausgewiesenen Weg zu folgen,  warum bin ich so blöd und so überheblich zu glauben, dass ich mit diesen regionalen Wanderwegen (die bisher so oft schon problematisch waren…) schon irgendwie durchkomme?!

Nun gut. Im Nachhinein alles irgendwie gar nich so schlimm. 😉 Aber ich sag euch, währenddessen,  in dem Moment, da war ich wirklich verzweifelt. Einer nach dem anderen Weg führte langgezogen abwechselnd in die richtige, kurz darauf wieder in die komplett falsche Richtung. Ätzend. Aber genug jetzt, ich schätze nach etwa 8 Kilometern Rumirren über den waldigen Berg lasse ich ein Jubelschrei los, als ich das Wanderschild A7 entdecke! Und aufgrund des Wegesverlaufs, von dem ich kam, einem Fluss und den Pfeilen des A7 mich sogar auf meiner Wanderkarte verorten kann. Zumindest hoffe ich das,denn ich riskiere, einen endlich gefunden Wanderweg wieder auf einen unbekannten Weg zu verlassen – nur um vermeintlich näher dorthin zu gelangen, wo ich hin will…

Gott sei Dank klappt das! Etwa 1,5 Kilometer später treffe ich auf den richtigen Abschnitt des A7 und folge diesem und dem A1 bis Verr, westlich von Brächen, wo ich eigentlich rauskommen wollte. Wie auch immer das ging, ich weiß es nicht,  aber es ist der Moment, wo ich den Kopf schüttel, dann verzweifelt lächel, dann die Achseln zucke und die nächste Frau nach dem besten Weg zum angepeilten Campingplatz noch weiter östlich von Brächen frage. Und nach einem Supermarkt, um mir was zuckriges zu Trinken zu kaufen. Es ist immer noch bullenheiß, ich bin bald wieder 30 Kilometer unterwegs und der Campingplatz ist noch nicht nahe.

Daher lass ich mich von dem älteren Jagdrevierverantwortlichen, der im Wald mit seinem Hund spazieren gewesen ist, auch widerstandslos mit dem Auto zum Netto fahren (Limo und Schokolade!) und noch ein Stück in die richtige Richtung mitnehmen. Leider setzt sich ab Niederhof meine persönliche Leidensgeschichte noch weiter fort: Ich frage so oft nach dem Weg („ach ganz einfach, immer bergab und dann links!“) und weiß trotzdem an jeder Stelle, an der es zwei Wege gibt, nicht, wo lang. War ich kurz wieder fit, bin ich schnell wieder genervt: Für jeden Bewohner scheint die Wegbeschreibumg „ganz einfach“ und der Platz „ganz nah“ zu sein,  tja, für mich nicht.

Aber okay, nachdem mich – schon in Bierstein – eine Frau mit den Worten „nur dem Waldweg noch folgen, immer der Hauptweg, keine Abzweigung, 10 Minuten noch“ nochmal auf einen letzten Umweg geschickt hat, treffe ich auf einen Schäfer, der mich über die Wiese schickt: Durch die Bäume entdecke ich vom Hügel aus unten im Tal den Campingplatz!!! Ich folge kurz dem Weg hinab, der zieht sich aber so weit am Platz vorbei, dass ich irgendwann einfach abgef*$# mitten durch die Bäume,  steil hinab direkt aufs Ziel zu steuer. Ich komm um 18.40 Uhr an, krieg die Wiese gezeigt, auf die ich mich stellen soll, lasse meinen Rucksack auf den Boden fallen, ziehe Schuhe und Socken aus und lege mich, vor Erschöpfung den Tränen nahe, auf den Rücken ins Gras.

Der Tag ist für mich richtig gelaufen, abgehakt unter „Was ein Dreck, Gott sei dank ist dieser Tag vorbei!“, vielleicht später irgendwann, mit ein bisschen Abstand dann unter „Das gehört halt dazu“. Dachte ich zumindest in den Minuten.

Bis Stephan kam und zusammen mit seiner Frau Susanne und ihrem Boxer Chilly den Tag retteten. Ich war grade dabei, das Zelt aufzubauen und mühte mich mit der provisorischen Zeltstangen-Konstruktion ab, als Stephan rüber kam, um seine Hilfe anzubieten. Ich erklärte das Problem, und Stephan kam einfach auf ein Idee, die ich nicht geblickt habe: Mein Problem war, dass ich das Rohrstück, dass ich dabei hatte, nicht an die gebrochene Stelle bekommen hatte. Was ich einfach nicht gesehen habe: Am einen Ende konnte man betreffende Stange rausdrehen. Oh man, da hab ich so mit meiner MacGiverschen Panzertape-Zeltschnur-Hering-Lösung angegeben,  und dann das!

 

Aber egal,  Stephan repariert das, und ich freu mich da drüber. Das macht vieles einfacher. Nicht genug, ich werde Susanne vorgestellt und kurzerhand zur Pizza und Bier eingeladen! Man ey, was für ein Dusel, dass ich diese beiden Menschen nach diesem besch*&$ Tag treffe. Nach der Dusche sitz ich gemütlich mit den Beiden und Hund vor ihrem Wohnmobil, das leckere Alt spült fast allen Kummer fort, die Pizza und das lockere Gespräch tut ihr übriges. Am Ende darf ich noch meine Geräte bei ihnen laden, bekomme eine Wolldecke, die ich als Kopfkissen nutzen kann,  und werde für morgens zu Kaffee und Brötchen geladen. Die Welt sieht auf einmal wieder viel bunter aus! 🙂

 

Susanne,  Stephan und ihre Boxer-Hündin Chilly

Susanne, Stephan und ihre Boxer-Hündin Chilly

Gelaufen: über 33 Kilometer (geschätzt)

Motto des Tages: Wenn Hanna das nächste Mal clever sein will, lässt sie es!

 

 

 

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