Montag, 01. Juni: Es kommt immer anders als man denkt Oder Das Schöne an der Nichtgeplantheit

Es schien ein ganz normaler Montag, ja noch mehr, gar ein ganz normaler Wandertag zu werden. Also aufstehen, frühstücken, rumtrödeln, packen, laufen laufen laufen, Hitze, Feld, Wasser,  Wald, laufen laufen laufen, Hitze, Wasser, Wald, kalter Wind, zweifelnder Blick gen dunkel zu ziehendem Himmel, Feld, Hitze, laufen laufen laufen, Brotpause, laufen laufen laufen, Dorf, Feld, Wald, kalter Wind, Dorf… Ich denke,  ihr wisst worauf ich hinaus will. Geändert hat sich das schlagartig erst um etwa 15 Uhr in Seußen.

Der Weg bis dahin hat mir richtig Spaß gemacht, auch landschaftlich war es irgendwie schön, so unaufgeregt. Wisst ihr, einfach Ruhe beim Wandern. Keine extremen Steigungen und keine außergewöhnliche Natur, aber eben schön, so vor sich hinplätschernd, und das mein ich im positiven Sinne! Ab Bad Alexandersbad musst ich mir erstmal den Weg zurück zum E3 suchen (so der ursprüngliche Plan) und nahm dafür den Teil eines Rundwegs, der durch ein tolles Waldstück am Fluss entlang führte – ein guter Start auf top gekennzeichnetem Weg. Auch den Übergang von diesem auf einen anderen Wanderweg schaffte ich problemlos – ok fast. Ich bin zwar 150 Meter in die falsche Richtung gelatscht, hab dafür aber einen anderen Wanderweg gefunden, der dorthin führte, wo ich hinwollte, nämlich nach Unter- bzw Oberthölau. Und es war wieder ein wunderschöner, sehr gemütlicher Waldweg am Wasser. Läuft.

In Oberthölau dann traf ich die nächste richtige, folgenschwere Entscheidung, die am Ende des Tages auch die wichtigste sein sollte, obwohl ich in der Zwischenzeit Zweifel daran hatte. An einer Kreuzung (aka Scheideweg des Lebens) wies ein Schild auf den E3 hin, ein anderes auf den Röslauweg. Beide würden am Ende nach Schirnding führen,  wo ich über die Grenze nach Tschechien wollte. Ich hatte mich innerlich schon auf den E3 eingestellt, entschied mich dann doch noch bei der allerletzten Möglichkeit für den mit R gekennzeichneten Weg – weil dort in erreichbarer Distanz ein Campingplatz eingezeichnet war und ich durch zwei, drei Dörfer kommen würde, ich hoffte wieder auf einen Kaffee. Dabei war grade montags total zweifelhaft, ob irgendwas hoffen hätte (es hatte nicht), wenn es dann was geben sollte, und genauso zweifelhaft war meine Absicht, das Zelt aufzustellen, blickte ich doch immer wieder kritisch zu dunkler werdenden Himmel. Nicht zu erwähnen die heiße, drückende Schwüle.

Die Entscheidung sollte sich deswegen als gradezu bahnbrechend erweisen, weil ich nur deshalb nach insgesamt 16-17 Kilometern nach Seussen kam. Wo der E3 nie und nimmer lang geht. Zudem war der Röslauweg so hervorragend ausgeschildert, dass ich manchmal vor Verzückung leicht aufschrie – der Schleichweg durch einen jungen Fichtenwald (an anderer Stelle meiner Wanderung schon ein Problem gewesen, da kein Weg als solcher erkennbar), die Abzweigung mitten im Feld, der doch wieder ungewöhnliche Pfad durch eine wilde, vor Frühling über und übersprießende Blumenwiese. Einfach traumhaft für eine Verwanderin wie mich 🙂

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Wie bereits angedeutet, gab es den Dörfern natürlich keine Einkehrmöglichkeit beziehungsweise hatten die wenigen entweder nur  wochenends oder nach 17 Uhr auf. So erging es mir zunächst auch in Seussen, übrigens wenige Kilometer vor dem angepeilten Campingplatz an einem Speichersee. Kurz frustriert setzte ich mich auf eine Bank. Zehn Meter weiter unten hielt ein Auto, ein Mann stieg aus und lief die Straße unter meiner entlang. Ich weiß nicht genau warum, aber ich sprang auf und rannte diesem „Entschuldigung“ rufend hinterher. Auf die Frage nach einer offenen Wirtschaft oder ähnliches, bekam ich zur Antwort, er wäre selbst fremd, besuche aber Leute hier im Haus und könne mitkommen. An dieser Stelle sei vorweggenommen, dass ich das Haus nur noch einmal verließ,  um meinen an der Bank zurückgelassenen Rucksack zu holen.

Wir „stören“ einen sich in seinem Garten sonnenden Herren, meine Begleitung erklärt zunächst meinen Wunsch. Der Sonnenanbeter (genau das werde ich auch tun, wenn ich in Rente bin) verneint die Frage nach einer Wirtschaft, bietet mir aber soforf einen Kaffee im Garten an… Ach ihr wisst doch, zu einem Kaffee kann ich einfach nicht Nein sagen! Schwups stehen Kaffee und Kekse für mich, den ersten Gast (später kommt noch dessen Freundin dazu, die im Auto gewartet hat) sowie den Gastgeber samt Frau und Tochter (etwas älter als ich und noch stärkere Weltenbummlerin/Backpackerin). Statt der Mittagsruhe hat Herr Röderer also drei fremde Menschen zu sich in Garten gebeten und mit seiner Frau zusammen spontan ein Kaffeekränzchen veranstaltet. 🙂

Es gibt viel zu bereden: Der Herr, den ich auf der Straße angesprochen hatte, erzählt, dass er auf der Suche nach alten Bundeswehrkameraden ist und über diesen Weg nach Seußen gekommen ist (Gernots Vater war Lehrer des Bundeswehrlers, die beiden waren also zusammen in der Schule nicht beim Bund). Ich erzähl von meiner Tour und wohin ich heute noch gehen will (die Familie ist sich einig unsicher, ob es diesen Campingplatz gibt).  Gernot berichtet, dass er ebenfalls am 17. Mai Geburtstag gefeiert hat, auch einen runden, nur natürlich jünger als meine Oma :). Tochter Sabine erzählt von ihren Weltreisen mit Rucksack. Und eh redet plötzlich jeder mit jedem wild durcheinander,  klingt sich da ein, da wieder aus,  und fast unbemerkt hat Gastgeberin Gisela Kaffee gegen Käseplatte, Wasser und guten Frankenwein ausgetauscht.

Zwischendurch hat natürlich der angedrohte Wolkenbruch stattgefunden und Gisela bietet mir direkt an, in einem Zimmer in ihrem total cool ausgebauten, alten Schmiedehaus zu übernachten… Ok, nach der herzlich festlichen Tafel will ich auch gar nicht mehr weg, die Runde ist einfach zu nett! Dankbar nehme ich an und nachdem die alte Schulbekanntschaft gegangen ist, gehen die Röderers mit mir am Speichersee in der Seeklause (saulecker!) essen – einen Campingplatz hätte es dort tatsächlich nicht gegeben, nur Plätze für Dauercamper.

Ich habe einen super Abend mit der Familie und freue mich wieder riesig,  dass es so viele nette Menschen auf der Welf gibt. Neben meiner Glücksgöttin Fortuna möchte ich daher mal DANKE für alle kleinen und alle großen Gesten, Nettigkeiten, Herzlichkeiten und Hilfen sagen, die ich in den letzten zwei Wochen erleben durfte. Danke!

Worte des Tages: Erwarte nichts, aber davon viel.

Geschafft: 16-17 km (ja, meine Etappen werden durchaus kürzer :-))

PS: Entschuldigt, für Bilder ist die Verbindung hier zu schwach.

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