Ziel erreicht – fast

Yes, I made it! Der Westweg ist „bezwungen“. 288 Kilometer von Pforzheim durch den Black Forest bis Basel gelaufen, auf meinen eigenen Füßen und ohne großen Schaden zu nehmen. Im Gegenteil: Mehr dazu gewonnen als irgendwas verloren. Doch noch ist meine Reise nicht ganz zu Ende, aber der Westweg eben schon – gestern habe ich den Badischen Bahnhof in Basel erreicht. Aber ich fange schon wieder von Hinten an.  

Zu Allererst: In einer Gartenlaube zu erwachen, ist erholsamer als im Zelt. Wohl eher nicht verwunderlich. Dazu haben meine unverhofften Gastgeber ein zünftiges Frühstück mit gutem Kaffee und O-Saft für mich bereitet – ein Traum! Dazu strahlt die Sonne wieder auf die Wiesen um Niedereichsel, als hät sie nie was andres getan. So hab ich mir meinen vorerst letzten Tag vorgestellt.

Auf der Umleitung weiter marschiere ich kurz vor Zehn der Schweiz entgegen – so gut die Alternativroute gestern für mich war, weil sie mich eben zu meinen hilfsbereiten Wirten Hans und Ehefrau gebracht hat, so unschön ist sie heute. Denn auf einem Waldweg neben der Autobahn langzulaufen ist nicht gerade fein. Gott sei Dank ist das Stück nicht lang, die Wege danach sind chillig zu wandern: Breite Pfade durch helle Wäldchen führen mich auf fünf Kilometern in einer Stunde bis Degerfelden, wo theoretisch das gestrige Etappenende gewesen wäre. Gott bin ich froh, dass ich das den Tag zuvor nicht mehr gelaufen bin…

Habe ich euch vor wenigen Tagen noch berichtet, dass die höchsten Höhen hinter mir liegen? Das trifft natürlich immer noch zu, allerdings können auch kleine Höhen richtig mies sein. So wie der direkt nach Degerfelden: Unten am „Berg“ steht – 40 Minuten bis zum Eigenturm. Ich wunder mich noch, hallo, 1,5 Kilometer, die schaff ich ja wohl in der Hälfte! Ok, schaffe ich auch, aber als ich fix und fertig oben auf der 523 Meter hohen Kuppe mit Aussichtsturm stehe, verstehe ich die Zeitangabe nur zu gut. Steil ist der Pfad, der mich über Wurzeln, Steine und Blätterhaufen nach oben geleitet. Also doch noch ein Anstieg, auf den ich mich freuen konnte – und nicht der letzte der letzten Westweg-Etappe.

Die Sonne brennt wieder richtig auf meinen Pelz, daher wird nach acht Kilometern eingekehrt: Ich will die auslaufenden Stunden auf dem Westweg in vollen Zügen genießen und lass mir alle Zeit der Welt. Und es war die richtige Entscheidung, denn etwa eine halbe Stunde später kommt ein Stück, das man fast als „gefährlich“ ansehen kann. Auf jeden Fall sollte man hier derbe trittsicher sein – ein extrem schmaler Pfad, gerade breit genug für einen meiner Füße, führt am Berghang entlang und im Zick-Zack nach oben. Die vielen Blätter machen das Gehen zusätzlich schwer, aber die Landschaft ist überragend schön: Ich bewege mich oberhalb von Grenzach durch einen Buchswald, einer der letzten seiner Art. Die Bäume haben ganz dünne, irgendwie kreuz und quer verlaufende Stämme und Äste, zum Teil hängen sie trocken wie eine Art Liane über den Weg, zum Teil hängen kugelrunde, grüne Blätter an den dürren Zweigen, die nie eine richtige Krone bilden.

Eine halbe Stunde lang werde ich so kreuz und quer, hoch und wieder runter und wieder hoch geführt. Als Belohnung wird auf einer Bank mit Aussicht über Basel (wohoo! auch wenn der Blick von oben nicht sooo schön ist) Mittag gemacht, es ist kurz vor Zwei, in zwei Stunden und fünfzig Minuten bin ich 13 Kilometer gelaufen – ihr merkt, ich werde langsamer. Verpflegungs-technisch habe ich hervorragend „geplant“: Brot, Käse und Wurst vom Titisee reichen genau. Bis dato treffe ich zwei andere Wanderer-Paare und einen Mountainbiker. Auch hier bin ich noch ziemlich alleine auf meinem Weg, auch wenn ich schon längst wieder in der „Zivilisation“ angelangt bin. Die lauten Autogeräusche von der Straße unter mir, stören schon jetzt meine in den letzten Wochen aufgebaute innere Balance…

Schlimmer wird es alllerdings bei meiner ziemlich unspektakulären Grenzüberschreitung. Ich hatte mir das irgendwann mal so ausgemalt: Ich gehe über eine Brücke, auf der einen Seite Deutschland, auf der anderen Seite Schweiz. So, dass ich ein paar mal Hin- und Herhüpfen könnte, Schweiz, Deutschland, Schweiz, Deutschland. Die Wirklichkeit sieht so aus: Um kurz nach Drei laufe ich auf dem Trottoir neben einer vielbefahrenen Straße an einem geschlossenen Zollhäuschen vorbei. Keiner hält mich auf, keiner nimmt überhaupt Notiz von mir, ich von der Grenze eigentlich auch nicht. Aber gut, was hatte ich  auch erwartet?

Die Grenzstraße, die parallel  zum Rhein verläuft, wander ich ziemlich lange bis zum Ortsanfang von Basel entlang. Was mich ziemlich anstrengt, achtzehn Kilometer bin ich unterwegs (das war am Anfang meiner Wanderung noch kein Pensum für mich, da bin ich grad warm gelaufen! In den letzten Tagen aber merke ich deutlich, welche Kilometer ich schon gelaufen bin), und die Hitze glüht auf dem Asphalt. So fertig muss ich wohl auch ausgesehen haben: Eine Baslerin hält mit ihrem Auto neben mir an und fragt, ob sie mich ein Stück mitnehmen soll. Saunett, aber ich muss leider ablehnen. Denn wenn schon, denn schon: Der Westweg muss schon bis zum Ende gelaufen werden, jeder verdammte Meter.

Und dann, mitten durch den Trubel der Stadt, bin ich halt wirklich da. Am Badischen Bahnhof in Basel. Fünf vor Vier, nach vier Stunden und 12 Minuten und fast 19 Kilometer nach dem Aufstehen. Und es ist genauso unspektakulär, wie der Grenzübergang. Es gibt kein Westweg-Portal wie in Pforzheim, ein kleines Schild am vollen Bahnhof weist überhaupt auf den Wanderweg hin. Wie ich mich jetzt fühle? Ich weiß es noch immer nicht. Weder freudig noch stolz, nicht traurig oder melancholisch, und schon gar nicht enthusiastisch. Ich bin eben da. Punkt.

Klar lass ich noch ein obligatorisches Foto von mir vor dem Bahnhof machen, nicht schön aber selten. Dafür ist es schon die zweite nette Baslerin, die ich treffe. wir quatschen kurz übers Wandern, sie hat nämlich den Klassiker München – Venedig in Planung, natürlich die Etappen über die Alpen. Auch einer meiner Träume…

In einem Café bestellt ich kurze Zeit später ein Radler und lasse die Situation – Verkehr, Menschen, dass ich mich in meinem Wanderaufzug grade ziemlich Fehl am Platz vorkomme –  auf mich wirken. Und jetzt, ja, jetzt freue ich mich: Über 400 Kilometer bin ich in den letzten 23 Tagen gelaufen, nonstop, ohne Pause und bei jedem Wetter. Nur noch einen Tag wandern und ich bin am endgültigen Ziel meiner Reise, nämlich bei Jana in Diepflingen, das flasht mich schon. Jetzt beim Aufschreiben noch viel mehr.

Das Wochenende über bleibe ich in Basel, wappne mich für den „letzten Schritt“. Also, liebe Freunde, ein schönes Wochenende und bis nächste Woche – dann ein letztes Mal.

Frage des Tages: Warum gibt es in der Schweiz ein Schild mit dem Hinweis „Trottoir ohne Fortsetzung“? Ich glaube, so nenne ich mal mein erstes Buch 😉

Geschafft: 23,1 km, 5 h. Aufstieg: min. 600 Hm, Abstieg: min. 700 Hm. Couch einer Gartenlaube in Niedereichsel – Wohnung eines Freundes in Basel.

Finally arrived Basel!

Finally arrived Basel!

11 Kommentare

  1. Top, Hanni, super!
    Kannst Du nicht noch ein bisschen weiter wandern, ich lese Deine Berichte so gerne 😉
    Um es mit Jogi Löws Worten zu sagen: Du hast meinen högschten Reschpekt! 🙂

  2. Suuuuper Hanna !!!!!
    Wir hatten nie daran gezweifelt, dass du das schaffst, trotzdem sind wir zutiefst beeindruckt.
    Herzlichen Glückwunsch und Respekt, Respekt.
    Nur einen Wehrmutstropfen gibt es: Leider keine deiner super Berichte mehr. Schaaaade !
    Genieß die Zeit in der Schweiz und erhol dich.

    Liebe Grüße aus Balzfeld von Fam. Gebhardt

    1. Danke ihr lieben Balzfelder! Gerade jetzt am Ende denke ich an die tollen Erlebnisse meiner Reise, und die Begegnung mit euch war definitiv eine davon. Hoffe es erreicht euch hierüber: Vielen Dank für eure herzliche Aufnahme!!! Lieben Gruss aus der Schweiz 🙂

  3. Glückwunsch liebe Hanna! Bin nur jetzt schon traurig, dass meine tägliche Bloglektüre vorbei sein wird. Liebe Grüße – Sigrid

  4. Mir fehlen die Worte!!!!Wow, liebste Hanni, ich kann mich den vorherigen Kommentatoren und -innen nur anschließen! Kannst stolz auf dich sein! Soooo tolle Erlebnisse ist so eine Bereicherung! Bis bald und eine schöne Zeit noch!

  5. Super Leistung, Hanna. Konnte leider erst jetzt wieder lesen, bist jan nun schon wieder daheim, aber mein PC hat die Grätsche gemacht. Alles Gute für deine weiteren Pläne und auch bei der nächsten Tour ganz viel Spass und nette Erfahrungen.

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