Warum ich für eine Umleitung dankbar bin

Könnte ich euch natürlich direkt erzählen, will ich aber nicht. 😉 Wem der Rest meines Tages egal ist, kann bis zum Ende runterscrollen. Für alle anderen begann er so: 

Mies. Ich wache auf von einem lauten, bedrohlich klingenden Bellen eines bestimmt riesigen Hundes, dem die Rufe seines Herrchens total egal sind und einfach gefühlt fünf Minuten lang an meinem Zelt vorbei kläfft. Ok, ich bin wach. Ok, es ist kalt und feucht.

Sofort fällt mir mein gestriger Morgen ein: Sanft weckten mich Sonnenstrahlen, die durch die rotkarierte Gardine schimmerten. In der Wohnstube der Penison Höhner (hah, wie unsere hessische Kultband!) hatte die Wirtin schon einen kleinen Tisch für mich gedeckt. Die Milch- passte zur Kaffeekanne, die Untertasse zum Tellerchen, in einer Karaffe gab es Honig, Ei und Brötchen (selbstverständlich auch welche zum Mitnehmen…) standen daneben. Das Allerbeste: ein frisch gepresster O-Saft! In Frankfurt kann man da mal locker 3,50 bis 5 Euro extra zahlen, in Todtmoos gibt’s den einfach so dazu. Und zum Abschied sagte mir meine herzliche Omi noch: „Ich bin so froh, dass ich Sie gestern doch noch aufgenommen habe!“ Sind das nicht die schönsten Begegnungen, bei denen beide glücklicher auseinander gehen als zuvor?

Zurück im Heute angekommen, krieche ich aus meinem Schlafsack und packe alles schon reichlich automatisiert an ihren Platz. Der Zeltabbau geht schnell – weil es für neun Uhr morgens noch richtig frisch ist, selbst mit Handschuhen habe ich sofort klamme Finger und nasse Füße. Wie gesagt, bin schon besser aufgestanden.

Besser wirds nach Kaffee und Stückchen vom Bäcker, die Frühstückspause mache ich kurz oberhalb von Hasel, auf einer Wiese in der Sonne. Ab da läufts deutlich besser kann ich sagen. War das Wetter gestern schon wieder bombig, ist es heute bombastisch! Nach einer Weile ziehe ich mein Langarmshirt aus, statt an.

Der Weg führt auch nur selten durch die Schatten spendenden, kleineren Waldstücke, vor allem geht es auf Feldwegen um Acker, Blumenwiesen und weiß läuchtende Kirschbaumplantagen herum. Oft wirklich drumherum, was ein bisschen nervt: Man biegt rechts ab, dann link, dann wieder links – hätte man auch geradeaus laufen können, einen Pfad hätte es fei schon gegeben. Aber gut, Weg ist Weg und Schnaps ist Schnaps.

Nach kaum eineinhalb Stunden muss ich trotzdem Pause machen. Mir fällts Laufen heute schwer. Warum? Weiß nicht genau. Vielleicht weil es dem Ende zu geht? Vielleicht weil die Etappe im Schnee Spuren hinterlassen hat? Oder das Bergablaufen von gestern?Vielleicht aber auch einfach alle Kilometer der letzten 22 Tage, wer weiß.

Oder es ist die Hitze, die ich eigentlich mag. Also in die Löwenzahnwiese gesetzt, Apfel gegessen, Augen zugemacht. So hätt ich einschlafen können, gut dass ich alle Zeit der Welt habe! Besser gelaunt und leichtfüßiger, das Ziehen in meinen Waden ignorier ich gekonnt, geht es weiter. Die Westweg-Etappe ähnelt den Berg- und Talbahnen auf den Jahrmärkten von früher: Sanft hoch, sanft runter, sanft hoch. Kiesel- wechseln sich mit Gras- und leider auch vielen Asphaltwegen ab.

Ich wander eine ganze Zeit lang alleine, am ehesten treffe ich auf Radfahrer und natürlich auf 100.000 Zitronenfalter! An einer Waldkreuzung schwatze ich eine Zeit lang mit einem Spaziergänger, der mich fragt, ob alleine wandern nicht ziemlich einsam wäre. Bei all den Begegnungen, die ich schon gemacht habe. Und die ich vielleicht nicht gemacht hätte,  wenn ich mehr als Eins gewesen wäre. Muss ich das vehement verneinen. Das Schöne ist doch, allein zu sein ohne sich allein zu fühlen.

Allein bin ich an der Hohen Flum auf keinen Fall, der Turm darauf ist beliebtes Ausflugsziel und Gassigeh-Revier. Die Hohe Flum ist mit 535 Metern Höhe (keine Schwarzwaldgipfel mehr für Hanna:() die höchste Erhebung des Dinkelbergs, dessen Wellen ich gerade überquere. Ein Top-Platz zum Mittag machen, weil die Weitsicht traumhaft ist. Und zwei Uhr rum ist und ich Hunger habe.

Noch immer habe ich Holzofenbrot vom Titisee, dazu wird jetzt – passend, weils morgen in die Schweiz geht – Schweizer Appenzeller geöffnet. Stinkt wie meine Wanderschuhe, die neben mir unter der Bank stehen, schmeckt aber überragend. Könnte auch an den über 13 Kilometern hinter mir liegen. Nach einer Stunde ziehe ich Shirt (es ist sooo warm, dass ich im Top dasitzen kann), Socken und Schuhe an, und ziehe gut gelaunt weiter.

Im Wäldchen nehme ich einen kurzen falschen Weg in Kauf, weil ich einen Radler am Boden sehe. Eine Radlerin, wie sich beim Näherkommen herausstellt, und zwar bestimmt schon über 70 Jahre alt – mit einem Fully unterwegs! Die Frau ist so cool, hat sich schon längst selbst geholfen (ein Ast hatte ihr die Räder blockiert) und das Knie verarztet. Das Rad wird zurecht gebogen, läuft, und nach kurzem Geplausch fährt sie weiter. Coole Oma.

Hanna ist nicht ganz so cool, so nach 3 3/4 Stunden und ab dem siebzehnten Kilometer wird jeder weitere irgendwie zur Qual. Die brennende Sonne trägt schon dazu bei, dabei liebe ich so Wetter sonst! Gott sei Dank hat eine liebenswerte Uromi im Ort zuvor, Oberminseln, mein Wasser aufgefüllt und mich in ihr Bad gelassen. Die Wirtschaft, die ich angepeilt hatte, war nämlich zu.

Trotzdem fällt es mir schwer, zu laufen, Füße und Waden ziehen mehr als sonst. So breche ich auch fast in Tränen aus, als ich an ein Schild komme: Umleitung des Westwegs wegen Bauarbeiten an irgendeiner Autobahn. 2 km länger… Hilft ja nix, weiter gehts. Ich überlege kurz, ob ich mich nicht einfach hier auf die Wiese stellen soll (knapp unter 20 Kilometer gelaufen und ich hatte ja eh kein rechtes Ziel als Schlafplatz), entscheide mich aber ob meines Wassermangels und der frühen Uhrzeit (circa 16.30 Uhr) dagegen. Gott sei Dank!

Denn Dank der Umleitung gelange ich in ein kleines Örtchen namens Niederweichsel. Wo ich ohne Umleitung überhaupt gar gar nicht nur in die Nähe gekommen wäre! Und hier isses mir einfach zu viel, eure Marschiererin will nicht mehr weiter. Deshalb frage ich am Ortseingang bei einem Hof, in dem Traktoren stehen, ob die Wiesen oberhalb vielleicht dazu gehören und ich mich mit meinem Zelt darauf stellen könne. Ich werde an den Schwager im Nachbarhaus verwiesen, der Hans und seine Ehefrau.

Und ehe ich mich versehe, hab ich keine Wiese für mein Zelt, sondern eine Gartenlaube zum Schlafen, eine Dusche und ein Rumpsteak mit Nudeln, bester Pfeffersoße und Tomaten-Gurken-Beilage. Ehrlich, ich bin happy. Man erhofft sich ein kleines Stück und bekommt so viel, mehr als Danke Danke Danke zu sagen kann ich nicht zurückgeben. Und ich sehe das nicht als selbstverständlich an! Ich bin jedes Mal aufs Neue, und so auch heute, überrascht nicht nur von der Hilfsbereitschaft,  sondern von der Großzügigkeit und Herzlichkeit der Menschen. Jede Begegnung ist mir eine tief und ehrlich empfundene Freude.

So sitz ich jetzt hier in der Laube, mein letzter Blog aus Deutschland. Morgen werde ich zwar in Basel sein, das ist aber nicht das Endziel, sondern nur Ende des Westwegs. Ich werde übers Wochenende in der Stadt bleiben und dann Montag oder Dienstag weiterlaufen nach Diepflingen, circa 29 Kilometer südöstlich von Basel. Dort wohnt meine Freundin Jana, Ziel meiner Wanderung, die sich dem Ende zuneigt, ebenso wie dieser Post…

Erkenntnis des Tages: Wer offen und voll Hoffnung bleibt, dem wird am Ende Glückliches geschehen.

Geschafft: 4 h 19 min., 20,83 km, 450 Hm Aufstieg, 500 Hm Abstieg. Klammes Zelt in Hasel – gemütliche Gartenlaube in Niederweichsel.

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