Erster Tausender, erstes „wild“ Campen, erste Verschleißerscheinungen

Ich berichte euch aus meinem Zelt, das auf einer Wiese zwischen einem etwas abseits stehendem Haus, einem alten Skilift und der Schwarzwaldstraße steht. Aber ich bin euch erst den gestrigen Tag schuldig, im Wald hatte ich kein Netz (was ich grundsätzlich unterstütze, wenn ich euch nicht gerne gestern schon geschrieben hätte).

Montag, 31. März 2014:

Die Nacht im Kindergarten, ein Erlebnis für sich, aber Gott sei Dank nicht sooo gruselig wie befürchtet. Im Gegenteil, ich fühl mich ultra fit und so laufe ich beschwingt durch Gausbach und Forbach bis zur alten Schwarzwaldstub. Da wohnt Alfred, das Urgestein vom Nachbartisch, der mich tags zuvor zum Frühstück geladen hatte. Der freut sich, dass ich tatsächlich komme und tischt mir in seinem Wintergarten alles auf, was das Herz begehrt. Eine coole Type, der Alfred, der mit über 70 (schätze ich) noch arbeitet und Gewächshäuser repariert. Nächstes Jahr will er die Gaststube wieder eröffnen, also – nächstes Jahr Augen offen halten und hinfahren! 🙂 Ich kann ihn nicht verlassen ohne ein Liter feinsten Bio-Süßen mitzunehmen – in der Glasflasche! Es geht ja auch nur direkt erst mal über 400 Höhenmeter steil nach oben…

Aber die kleinen Pfade durch den Wald sind toll und so pack ich 5 Kilometer in einer Stunde und stehe nach etwas mehr als einer weiteren Stunde auf meinem ERSTEN TAUSENDER-GIPFEL! (Ja liebe Münchner ich weiß,  für euch ist das Pillepalle und das Wort Gipfel eine Beleidigung, ist mir aber egal 🙂 Gelle, liebste Sissi?!) Genauer gesagt auf 1001 Meter, am Bussener Gedenkstein mach ich Mittag (Brote und Abbelsaft vom Alfred) nach einer richtig tollen Strecke am Schwarzenbachstausee vorbei und einem Flüssle entlang nach oben. In den letzten zwei Stunden (und immerhin 700 Höhenmetern) treffe ich nur auf ein Paar aus Frankreich, sonst ist da nur der Wald, die kleinen verwinkelten Pfade und ich. Ein Traum.

Kurz nach dem zweiten Tausender (1003 Meter ;)), die Aussichten über die Schwarzwaldhügel sind übrigens fantastisch, treffe ich auf Lisa (24) und Mirko (23) aus Rothenburg o.d. Tauber. Mein Glück! Denn die beiden sind mit Zelt auf der Suche nach Schutzhütten, ich hoffe (und das nicht zu Unrecht) dass ich die Nacht so mit ihnen irgendwie verbringen kann – noch habe ich ja, wie immer, keinen Plan, wie ich wo schlafen werde. Wir laufen gemeinsam den Rest der Etappe gemütlich zusammen bis Unterstmatt, wo wir rausfinden, dass es mit Schutzhütten eher schlecht aussieht, wir können uns aber beim Wanderheim Ochsenstall mit den Zelten bestimmt unterstellen. Gesagt, getan – circa 2 Kilometer weiter kommen wir zum geschlossenen Ochsenstall und stellen uns einfach dahinter auf eine (sich als sehr hart herausstellende) Kiesfläche.

Ich bin echt ein Glückspilz, denn so richtig Gedanken hatte ich mir über Zelt- und Einkaufsmöglichkeiten nicht gemacht (…). Die beiden Karlsruher Studenten teilen ihre Spaghetti mit Zucchini mit mir, wir verschwinden nur früh (gegen halb 9) im Zelt, weil es abends und das auf circa 1000 Metern rasch abkühlt. Im Zelt stell ich fest, kein Internet, also versuchen, früh schlafen zu können (hab ich schon erwähnt, dass es a) steinhart und b) echt kalt geworden ist?!?). Mein erstes halbe wild Zelten beende ich daher zeitig und breche vor halb 9 auf, dieanderen beiden gehen es gemütlicher an. Ich verabschiede mich dankbar, keine Ahnung, wo ich sonst übernachtet hätte…

Geschafft: 4 h 33 min., 20,23 Kilometer, Aufstieg > 1100 Hm, Abstieg 420 Hm. Kindergarten Gausbach – Zelt am Ochsenstall auf fast 1000 Metern.

Dienstag, 01. April: Mein 13. Wandertag!

Ist das ein schlechtes Zeichen? Erster April (mein Wanderfreund Matze schafft es doch tatsächlich, einen Aprilscherz mit mir zu machen!) und dann noch der dreizehnte Tag für mich… Der Morgen spricht nicht für einen Pechtag, es ist mild und ich gehe gemächlich die erste Steigung auf die Hornisgrinde hoch. Mein bisher höchster Punkt auf 1164 Metern, die aufgehende Sonne taucht alles in ein warmes Licht, meine letzte Brezel genieße ich mit Blick über den Schwarzwald. Der Weg zum Mummelsee hinab und von dort wieder hinauf gefällt mir zwar nicht so gut, aber ich bin ja mittlerweile auch anspruchsvoll 😉

Bevor es aber wieder hoch geht, muss ich meinen Haushalt nachfüllen. Da ich erfahren habe, dass es am Westweg praktisch nichts mehr zum Einkaufen gibt ohne dass man absteigen muss, decke ich mich halt im Schwarzwald-Touri-Laden ein, mehr ist der Mummelsee nämlich leider nicht. Aber es gibt gutes regionales Zeug (wenn auch nich günstig), so verlasse ich den Laden mit frisch gebackenem Holzofen-Brot, Wurscht, Kaas, Schmalz,  Nudeln, Bärlauch-Pesto, Honig und Schoki, eh klar. Die zwei bis drei Kilo mehr (immerhin konnte ich Alfreds Glasflasche fachgerecht entsorgen) merke ich allerdings sehr. Oder war es die harte Nacht?

Jedenfalls machen sich ab hier erste Verschleißerscheinungen bemerkbar. Sprich, meine Hüfte (vor allem rechts) macht bei jedem Schritt Spirenzchen, und es sind noch einige bis ich um 11.15 Uhr nach etwa 9 Kilometern und 2 Stunden Gehzeit kapituliere und am Wildseeblick (wirklich ein schöner Blick) ein spätes Frühstück beziehungsweise frühes Veschper zu mir nehme: Landjäger und Bärlauch-Käse sollen mir Kraft geben! Tun sie auch, kratzt die Hüfte aber keinen Meter.

Da ich aber ungern jammer, lauf ich halt weiter, beschließ aber, nicht die ganze Etappe mit 27 Kilometern zu gehen. Sondern irgendwo unterzukommen, wo, keinen Plan. Bisher bin ich damit immer recht gut gefahren. 😉 Trotzdem ist es nicht der schönste Weg für mich bis zum Schliffkopf hinauf, aber wer will das schon? Wenn jeder Tag durchgängig schön wäre,  wo bliebe da der Überraschungseffekt? 🙂 Aber ich bin so weit, dass ich mich an Kleinigkeiten hochziehen muss: Eine Ameise zieht ein Stöckchen hinter sich her, das mal bestimmt 3 bis 4 Mal so groß ist wie sie selbst. Da werd ich ja wohl meine „Last“ auch schaffen…

Tu ich auch, klar, nach drei Stunden Gehzeit und etwa 16 Kilometern gönne ich mir gegen halb zwei, zwei im Restaurant Schliffkopf (auch hier war ich letztes Jahr schon beim Wandern mit Kerstin) einen Rhabarber-Kuchen. Und treffe auf Isolde.

Isolde fragt nach meinem Riesenrucksack und schwups sitzt sie bei mir am Tisch und wir unterhalten uns ganz ausgezeichnet. Sie ist so beeindruckt, dass ich als Frau alleine unterwegs bin, und so nett vor allem, dass sie mir Kuchen und Saft spendiert, bevor sie mir nach Austausch der Kontakte aus dem Cabrio zu winkt. Diese Begegnung gibt mir wieder Kraft, davon nehme ich wirklich viel mit. Und es sollte nicht die letzte bleiben heute.

Kurz danach begegne ich nun zum dritten oder vierten Mal einer Dame, die gestern schon erzählt hatte, dass sie auch ein paar Etappen des Westwegs läuft,  auch alleine, aber eben von Pension zu Pension. Nichts destotrotz verstehen wir uns gut und haben ein ähnliches Tempo. Mich lenkt die Unterhaltung von kleinen Zimperleinchen ab und Carmen, so heißt die Wandersfrau, bringt mich sogar dazu, länger zu laufen als geplant. Bei einer Nachmittags-Kaffeepause nach 5 Stunden reinem Wandern und fast 24 Kilometern erfahren wir, dass wir kurz nach (!) eigentlichem Etappenende in Kniebis finden würden, was wir suchen: Carmen ein Zimmer, ich eine Wiese für mein Zelt.

Das Wetter ist ja noch ganz ausgezeichnet, grade für die Zeit, und das will ich noch nutzen. Um halb sieben endlich schlägt mir eine Obstständle-Verkäuferin vor, mich einfach ein Stück abseits der Bundesstraße hinzustellen. Ich wäge ab: Oben die Straße (ich wohne in Frankfurt am Ostbahnhof, was sind da schon ein paar Autos?!), unten Wald und ein Hotel, auf der einen Seite etwas versteckt ein Haus, auf der anderen ein begraster Skihang und alte Skilifte. Das könnte gehen – ohne dass ich jemanden störe oder vor Angst sterbe. Ich verabschiede mich von Carmen (wir werden uns bestimmt wiedersehen die nächsten Tage) und schlage mein Zelt auf.

Cool. Erstes Mal Zelten alleine, irgendwo, wenn auch nicht in der Wildnis beziehungsweise mitten im Wald. Brot und besagte Einkäufe füllen den Magen, Zähne sind geputzt, Blog geschrieben, Zeit für Heia. Ich hoffe, es wird nur einen Tick wärmer, für morgen habe ich mir aber einen Bauerhof und nur wenige Kilometer vorgenommen (gut Ding will Weile haben…) – die Aussicht wärmt. Aber wer weiß,  was bis dahin alles passiert…

Motto des Tages: Zusammen ist man schöner allein. 🙂

Geschafft: 6 h 12 min, 28,09 km, Aufstieg min.720 Hm, Abstieg 680 Hm. ZeltOchsenstall -Zelt uff de Wiesn 😉 in Kniebis

Ich hab immer noch gut Grinsen, bei der Aussicht und den Begegnungen kein Wunder!

Ich hab immer noch gut Grinsen, bei der Aussicht und den Begegnungen kein Wunder!

 

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5 Kommentare

  1. 28 Kilometer sind doch ordentlich! Tolle Sache, die Du da machst! Der eigentliche große Spaß kommt dann, wenn Du wieder zu Hause bist und Deine Geschichten erzählen kannst! 😉
    Herzliche Grüße
    Heike

  2. Hännsen, ich lasse dir jetzt auch mal einen Gruß auf deinem Blog da 🙂 ich bin soo stolz auf dich und glaube furchtbar neidisch – du wirst sicherlich mit ner knackigen figur zurück kommen und mit noch mehr muskeln als sonst 😉 haha 😛
    ich bewundere dich so sehr für deinen froh- und leichsinn zugleich, dich einfach so durch die Welt zu schlagen. ich genieße es deine berichte – 10000% du! – und von deinen bekanntschaften zu lesen – es ist schön zu hören welch tolle menschen es noch so gibt :)…
    chackaa! küsschen johännsen

    1. HAHA, wenn du wüsstest, was ich jeden Tag esse, dann wärst du ob meiner „knackigen“ Figur nich so neidisch 😉 Aber ich weiß jetzt, wozu Dirks Sprinteinheiten am Berg gut waren 😀 Freut mich, dass dich meine Erlebnisse ebenso begeistern wie mich. Und danke für die Blumen :* Kuss zurück an die schönste WG am Main!

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