Ein Wiedsehen, ein Wanderstock und ein Kindergarten

Oder: Ein Sonntag wie er im Bilderbuch steht. Westweg-Etappe Zwei. Die Sonne lacht vom Himmel, die einzige „Sorge“, die wir drei und Hund haben, ist die, ob unsere Knie den angekündigt langen

Abstieg am Ende des Tages unbeschadet überstehen werden (obwohl, vielleicht machen die andern beiden sich auch nur Sorgen, ob meine Knie das aushalten?!)… Auch wir sind nicht mehr die Jüngsten, obwohl bei jedem Schluck aus dem Flachmann was von „So jung kommer nemer zsammen“ gemurmelt wird.

Der

 Wanderweg ist wirklich jeden Schritt wert. Es geht aus dem Sonnendorf direkt in den lichten Wald, alle Geräusche der „Zivilisation“ sind sofort verschluckt. Außer Vogelgezwitscher, Bilys Hundehalsband-Geklimper und ab und an ein „Hallo“ oder „Vorsicht Fahrrad“, herrscht Stille. Die Etappe ist extrem angenehm zu laufen und führt als eine Art Höhenweg entlang der Flanken und auf die Bergkuppen hinauf, so dass sich immer wieder weite Blicke über den Schwarzwald eröffnen. Einfach traumhaft, Wald wohin man blickt!

Kerstin, Matze und ich sind total berauscht von der Abgeschiedenheit und dem Panorama der Landschaft. I

n der Sonne machen wir daher nach etwa 8 Kilometern (circa eineinhalb  Stunden Gehzeit) eine Pause irgendwo auf Steinen am Wegesrand mit Blick auf das Baumkronenmeer.

Wenn es nicht leicht steigend auf einem Kies- und Sandweg am Hang entlang geht, führen kleine Trampelpfade zum Teil über Stock und Stein steil nach oben, oft mitten durch den Wald, richtig schön. Das einzige, was vermisst wird, ist ein Mountain Bike – und das auch nur von Matze. Ich bin ultra zufrieden, jeden Meter mit dem Fuß zu nehmen. Und er eigentlich auch.

Nach etwa 15 Kilometern erreichen wir Kaltenbronn, die einzige Einkehmöglichkeit der Etappe und die einzigen Häuser weit und breit. Wir flätzen uns auf eine Wiese,  verschlingen selbst geschmierte Brote (Danke Kerstin :)) und lachen innerlich all die Spaziergänger um uns herum aus, die hier mit dem Auto hochgefahren sind. Was die verpasst haben!

Kurz vor zwei ziehen wir weiter, direkt ein schöner Anstieg zum Warmwerden, ist ja nicht eh schon 20 Grad in der Sonne, auch wenn außer uns alle mit Jacken unterwegs sind. Immer mehr kleine, schmale Trails führen uns hinauf – auf einem Aussichtsturm knacken wir die 1000 Höhenmeter, jawoll! Nur, wir wissen ja schon, das müssen wir später fast alles wieder runter.

Daher beginn ich, und das haben wir gestern von Stefan gelernt, mir einen Wanderstock zu suchen. Um meine Knie zu entlasten, nich um mir dieNase damit zu zertrümmern,  keine Angst – auch das haben wir von Stefan gelernt (gute Besserung an dieser Stelle!)… Und Matze findet einen guten, der wiegt gefühlt aber mehr als mein Zelt! Von dem würde ich Muskelkater im Oberarm bekommen (wie schräg wäre das?!), auf jeden Fall nicht Sinn der Sache. Auf dem Weg nach unten (700 Höhenmter abwärts!) find ich aber auch noch einen passenden für mich, den schnitze ich mir die Tage noch zu. Ich fühle mich ab jetzt ein bisschen wie Gandalf mit seinen Gefährten 🙂

Und ein Wiedersehen feiern wir auch noch an diesem Märchenwald-Sonntag! Wer es nicht weiß, Kerstin und ich sind letztes Jahr auf der Murgleiter 5 Tage duch den Schwarzwald gewanderd – Forbach-Gausbach war einer der Etappenorte, genau wie heute auf dem Westweg. So begrüßen wir die Murgleiter wie eine alte Geliebte (bei einvernehmlicher Trenung natürlich) und erkennen einige Stellen wieder, bevor wir am Bahnhof Forbach ankommen. Der Abstieg ist übrigens gar nich so schlimm, im Gegenteil. Es sind viele richtig schöne verwinkelte Serpentinen-Wege über Wurzeln und Steine dabei. (deshalb ist die Etappe wohl als schwer gekennzeichnet…)

Es ist halb 5, wir sitzen im warmen Licht der untergehenden Sonne bei einem Radler im im Bahnhofscafé und ich werde ein wenig wehmütig. Die beiden letzten Tage waren traumhaft, jetzt nehmen die beiden Freunde bald den Zug heim nach Frankfurt. Dann bin ich wieder allein. Man gewöhnt sich eben doch recht schnell an so harmonische Mitwanderer, aber im Innersten weiß ich: Auch alleine wird es wieder schön werden.

Irgendwie. Und das ging schneller als vermutet.

Nachdem die Freunde verabschiedet sind, frage ich den Kellner nach einer Möglichkeit, das Zelt aufzustellen. Der Gastwirt aus Dobel hat mir nämlich geraten, einfach im Kurpark (welchem Kurpark???) zu zelten. Hier hat doch Fortuna wieder ihre Finger im Spiel – am Nachbartisch sitzt der Ortsvorsteher von Gausbach. Der nennt mir sofort mehre Möglichkeiten für mein Zelt, eine Wiese vor einem Kindergarten kommt am ehesten in Frage, die will er mir zeigen. Stark, das hat ja gut hingehauen!

Aber es kommt noch dicker. Am andern Nebentisch sitzen ein paar Alteingesessene will ich sie mal nennen. Der eine Herr sagt sofort, man müsse ja helfen wo man kann und er hätte mir sofort ein Dach überm Kopf angeboten (ganz ohne Hintergedanken versteht sich von selbst!). Aber ich wäre ja in guten Händen, morgen früh soll ich aber bei ihm in der alten Schwarzwaldstube vorbei schauen, dann gäbe es Kaffee und Semmeln.

Schlafplatz check, Frühstück check! 😀

Irre, was die Menschen in Forbach Gausbach mir hier wieder zeigen, dass kann ich immer noch nicht richtig greifen. Denn Achim, der Ortsvorsteher, belässt es nicht bei der Wiese, nein, er öffnet mir den (leider) geschlossenen Kindergarten, zeigt mir alle Räume (unter anderem Kinderklos :)) und überlässt mir schließlich die Schlüssel. So, my fellows, hier liege ich nun in einem, riesigen, leerstehenden Kindergarten, schreibe euch und höre Musik, damit sowas wie Angst gar nicht erst aufkommt. Statt Zelt also kleines Bettenlager und hunderte Quadratmeter nur für mich… Ich bin mal wieder überwältigt.

Erkenntnis des Tages: Wer fragt, ist hinterher immer schlauer.

Geschafft: 24,14 km (laut Westweg-Führer 26 km), 4 h 56 min, Aufstieg 580 m, Abstieg 940 m. Dobel Pension – Kindergarten-Forum Gausbach.

Mein neuer Weggefährte, der  Wanderstock (nein, ich werde ihm keinen Namen geben und mit ihm reden..)

Mein neuer Weggefährte, der Wanderstock (nein, ich werde ihm keinen Namen geben und mit ihm reden..)

 

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7 Kommentare

  1. Meine Hanni! Ich bin begeistert von deinem Blog und freue mich jeden Tag auf deinen Bericht. Ich musste schon so oft über dich schmunzeln und die Erinnerung von unserer Vulkantour kommen zum Vorschein;)))) genieß jede weitere Minute deiner Reise. Denk an dich! e

  2. Ich verfolge jede Etappe. Ich finde es schön das es in Deutschland so viele nette und hilfsbereite Menschen gibt. Viel Spaß beim weiter wandern und sammeln von tollen Erlebnissen.

  3. Hallo, liebe Hanni, wenn ich das lese, bekomme ich so eine Lust zu wandern. Wir werden nur am Karfreitag 22 KM wandern und wenn ich könnte, würde ich dich auch ein Stück begleiten. Es macht total Spaß deine Berichte zu lesen und es wirklich super, welche tollen Erlebnisse du bis jetzt hattest. Super. Ich wünsche dir noch viel Spaß!!!

    1. Danke schön!!! Ich freue mich über jede/n Mitwanderin/er – Anruf genügt 😉 Karfreitag bin ich wieder da, vielleicht komm ich dann bei euch mit, hehe. LG an Bernd und die Kölle Mädels

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