Walk like an Egyptian

Warum? Weil ich mich so fühle, während ich durch den Wald laufe. Und da ich alleine unterwegs bin, mache ich das einfach. Aber zurück an den Anfang. Ich war immer ehrlich zu euch, das bin ich auch heut: Die Nacht war fies kalt. Heut Morgen ist Eis auf meinem Zelt, na gut, so bin ich zumindest schnell im Aufstehen. 😉 Schnell warm wird mir auch von dem Kaffee,  der mir im Wohnzimmer meiner Gastgeberin serviert wird. Habe ich schon mal erwähnt,  wie unfassbar nett die Menschen zu mir sind?! Nach einem obligatorischen Foto meiner Helfer, also Nicole und Sohn Linus, marschiere ich los und folge einem Odenwälder Wanderweg weiter gen Süden.

Nicole und Linus.

Nicole und Linus.

Es ist 9 Uhr, die Sonne scheint warm über den Feldern. Nach einer knappen Stunde schnapp ich mir eine Bank, a) um zu frühstücken und b) um genauer zu schauen, welchem Weg ich folgen will. Plan ist es, Freitag in Pforzheim zu sein, das wäre aber zu nah – bei meinem Tempo, kann mich ja nicht ständig „extra“ verlaufen. 😉 Da ich plane, mich noch mit einer Freundin zu treffen, passt das gut. Dafür muss ich mich nur weiter östlich halten, das wird ausbaldovert und dann gehts nach Apfel und Nüssen weiter.

Ich folge dem sehr gut, ganz deutlich und klar ausgeschilderten Wanderweg hinein nach Dühlen. Eigentlich will ich ein paar Kilometer gut machen, aufgrund der langen Pause fast direkt nach dem Start. Aber da spricht mich ein Mann an, der seinen Garten gießt (oder spritzt er Gift auf Unkraut? Ich hab keine Ahnung, wofür dieses Gerät gut ist!). Und schon sitz ich auf eine Cola Light bei Lothar in der Garage und verspreche ihm, mich zu melden, wenn ich heile wieder nach Frankfurt zurück gekehrt bin. Eine weitere kleine Cola-Flasche wird aufgepackt und schon geht es dem Wege entlang, den der Lothar mir extremst gut beschrieben hat wie sich später heraus stellt und der sowohl kürzer ist als auch schön.

Am Waldrand entlang und dann rein in den Wald, immer schön bergauf – das ist mit Rucksack tatsächlich angenehmer als bergab. Oben angekommen, treffe ich auf einen alten Bekannten: der Main-Strombergweg! Das macht Laune, ich mach die Musik an: „Walk like an Egyptian…“ Wenn man alleine ist, entwickelt man so seine Eigenheiten, manche würden Ticks sagen. Sich selbst Sachen erzählen,  dichten (das musstet ihr euch ja schon anhören, Zeugs ausziehen, wieder anziehen, umpacken oder eben kurz tanzen, wenn keiner da ist…

 

Der Main-Stromberweg liegt mir einfach, der ist klar strukturiert und wie es sich für einen Wanderweg gehört,  führt er mal im Wald und mal am Hang entlang. Gegen 14 Uhr und nach etwa 15 Kilometern bin ich über den Weinbergen in Eichelberg, an der St. Michaelskapelle (auf circa 300 Metern) mache ich Mittag auf einem Bänkchen in der Sonne. Die Aussicht ist traumhaft, der Wind etwas kühl,  aber wer bei 0 Grad schläft,  der lacht den Wolken ins Gesicht! Die Pause wird lang – nur für euch, um euch von gestern zu erzählen! – aber danach bin ich fit und laufe fast fliegend den Berg hinab, immer schön dem roten Quadrat nach.

Ich überlege,  ob ich beim Schlosshotel in Tiefenbach fragen soll, ob ich mein Zelt am See aufschlagen darf. Das hat mir ein Mann in der Kapelle empfohlen. Aber eigentlich würde ich auch noch weiterlaufen, die 20 sind noch nicht voll. Doch es kommt ja immer anders als man, im Speziellen ich, denke…

Kurz vor Tiefenbach treffe ich auf einem Viadukt ein Ehepaar. Sie fragen mich nach meinem Rucksack. Ich erzähle von meinem Plan und dass ich noch nicht weiß, wo ich mir was zum Schlafen suche. Ehrlich, ich habe nicht gebettelt, nicht gedrängt,  nichts. Aber Annie, so heißt meine heutige Gastgeberin, sagt, wenn ich in Tiefenbach bleiben will, könne ich bei ihnen auf dem Dachboden übernachten, der wäre zu einer kleinen Wohnung ausgebaut… Das Angebot kann ich nicht ausschlagen! Ich folge Annie und ihrem Mann Karl etwa 10 Minuten zu ihrem schönen Haus und kann mein Glück kaum fassen?

Geschützt vor dem Regen, der beginnt, sitze ich mit den redseligen Beiden in der Küche,  trinke Kaffee, esse von Rührei und Wurstsalat. Wir reden über Wohnmobile und Länder,  die wir schon bereist haben. Langsam glaub ich, es ist die Liebe zum Reisen, die die Menschen verbindet und dazu bringt, offen gegenüber anderen zu sein. Annie sagt, es hat viel mit Vertrauen zu tun, Vertrauen zu haben zu fremden Menschen. Vielleicht ist es das, was man auf unbekannten Wegen lernt. Anderen zu trauen. Vor allem wenn man Hilfe braucht.

Ich sitze hier in meine warmen Bett und kann kaum glauben, dass ich morgen vor einer Woche losgelaufen bin. Die Wanderung ist zu einer Reise geworden: Ich bin nicht mehr nur unterwegs, um zu Laufen, sondern zu Erleben, was passieren kann, wenn man es zulässt.

Motto für heute: Laufen lassen…

Geschafft: 19,88 Kilometer, 3 Stunden 49 Minuten. Gartencamping Balzdorf – Dachgeschoss von Annie und Karl in Tiefenbach.

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10 Kommentare

  1. Hallo Hanna, ich hab den Tipp für Deinen Blog von Kerstin bekommen…und muß sagen, ich bin jetzt schon gefesselt von Deinen Erzählungen! Ich finde es toll, das Du Deine Zeit so wunderbar nutzt…dieses Erlebnis wird Dir keiner mehr nehmen können. Bleib weiter so positiv und Mitteilungsbedürftig :).
    Und ich wünsche Dir jetzt schon mal viel Spaß am Wochenende und auf den folgenden Kilometern, denn es soll ja wieder herrliches Wetter geben…und sicher triffst Du weiterhin nette Leute, die Dich unterstützen, denn so, wie es in den Wald hinein schallt…du kennst das Sprichwort sicher. Viel Erfolg für Deinen weiteren Weg, liebe Grüße, Melanie aus Frankfurt 🙂

    1. Hallo Melanie, das ist ja lieb von dir! Ich freu mich über jede und jeden Mitwanderer im Geiste und über jedes Kommentar. Danke für die Wünsche und lieben Gruß zurück an den Main!

  2. Weiter so und viel Spass! Habe leider erst jetzt die Infos bekommen und habe es jetzt in einem Rutsch durchgelesen. 🙂

  3. Hallo liebe Hanna, wir sind jeden Tag gespannt wie es dir weiter ergeht.
    Respekt, als wir morgens in unseren Garten geschaut haben und alles weiß war, hat es uns selbst geschaudert.
    Falls du dich entschließt den Weg auch noch zurück zu wandern bist du gerne wieder willkommen. 😉
    Viel Spaß weiterhin und genieß den Schwarzwald.

    Die Balzfelder.

    1. Hallo ihr Vier! Ich freue mich sehr über eure Nachricht! 🙂 Die Nacht bei euch war bisher tatsächlich die kälteste, hat mich aber nur abgehärtet 😉 Und warmer Kaffee, Suppe und eure Wärme haben alle Kälte vergessen lassen. Ich hoffe, ihr kontet den Geburtstag mit gesunder Alizée, Kuchen und Spanferkel genießen, lieben Gruß nach Balzfeld!

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