Die kleinen Entscheidungen sind die richtigen

Und die wichtigen! Wer weiß, wo ich gelandet wäre, wenn ich nicht in das eine, sondern in das andere Café gegangen wäre. Vielleicht nicht auf einer schönen Lichtung über dem Fuggishof. Wer weiß das schon. Ich bin auf jeden Fall glücklich, auf mein Glück vertraut und wieder ein lauschiges Plätzchen gefunden zu haben. Für mein Zelt, ach wie wohl ich mich hier fühle!

Auch wenn die Nacht im Zimmerchen des Bauernhofs Hark warm, gemütlich und erholend war, habe ich das Schlafen im Zelt, irgendwo wo kein Fernseh ist und keine anderen Gäste sind, vermisst. Was man dem Ganzen natürlich zusprechen muss: Mein

e Geräte sind wieder elektrifiziert, die Wäsche perwollisiert und die Hanna aufgehübscht. So renn ich nach Frühstück und Kaffee förmlich den Berg rauf! Ich habe nämlich beschlossen, die kommende Etappe etwas zu verlängern – 14,9 Kilometer nur, pah, dafür steh ich gar nicht erst auf! 😉

Vor allem nicht, nach meinem ‚Regenerations-Tag‘ mit 18 Kilometern und nur knapp  3 1/2 Wandern gestern. Da kann heute schon was her, also nehme ich die Westweg-Variante auf den 945 Meter hohen Brandenkopf, einer der beliebtesten Aussichtsberge im Kinzigtal, lese ich. Da die Etappe sonst eh fast nur bergab geht, kommen mir die 245 Höhenmeter nach oben gelegen, da ist der Kreislauf gleich in Schwung! Meiner definitiv, nachdem ich in einer Stunde fünfzehn rund sechs Kilometer hoch gejumpt bin. Gelohnt hat sichs allerdings nicht, ich zieh mich noch die Treppen den Turm hoch – da habe ich schon schönere Weitblicke ohne Glasscheibe gehabt.

Ich freu mich aber über den Hinweis: „200 Kilometer bis Frankfurt“(Luftlinie), und latsche den Berg immer noch vor Energie strotzend runter. Kurz bevor ich wieder auf den Haupt-Westweg zurückstoße, treffe ich auf zwei rüstige 75-jährige Herren. Am Ende des Gesprächs bedauern sie, kein Internet zu haben, dafür weiß ich jetzt, dass ich mit 75 auch mal so fit sein will wie die beiden: Jeden Donnerstag gehen sie zusammen eine Tour über einen der Schwarzwald-Gipfel in ihrer Umgebung. In den 20 Minuten, die wir quatschen, erzählen sie schon von mindestens 100! 🙂 Aber ich will weiter und bekomme ein ‚Gute Reise‘ hinterher gerufen.

Auch Mirko und Lisa treffe ich wieder, die ebenfalls am Harkner Hof ein Zimmerchen und die kürzere Route gewählt hatten. Ich begleite sie nur ein Stück, da ich scho ein wenig schneller unterwegs bin (hatte ja auch mittlerweile 15 Tage Zeit zu trainieren, hehe) und ich eine längere Mittagspause einlegen will, um – ja, ihr habt es erraten – euch von gestern zu berichten. Wie es sich für einen Landhof gehört, gab es in Hark nämlich keinen Empfang (aber Fernsehen…).

Auf dem Hohenlochen habe ich schon ein wenig Zeit eingebüßt (nur etwa 12 Kilometer in 2 Stunden 40, doofes Bergab-Gehen, obwohl es kleine Wege über Wurzeln und Steine sind, das macht Laune!). Dafür treffe ich auf Siegrid und ihren Begleiter. Beide Frührentner (57 und 64), die sich grade zum zweiten Mal treffen – und schon eine Bodensee-Umrundung mit E-Bike planen. Na herzlich willkommen, da sind sie doch bei mir an der richtigen Adresse! Ich spreche ihnen meine ganze Begeisterung für Touren aller Art aus, sie findens klasse, Siegrid gibt mir ihre Adresse und Telefonnummer: Wenn ich irgendwann in Kappel-Grafenhausen vorbei komme… Na, da wäre die nächste Tour ja schon fest 😉

Nach 15 Kilometern und fast 3 1/2 Stunden mache ich auf dem Berg über Hausach, dem eigentlichen Etappenende, besagte Pause (und liefer ich euch mein literarisch wertvolles Gedicht…). Die Stadt sieht von oben nicht grade einladend aus (eigentlich hatte ich auf ein nettes Schwarzwalddorf mit hilfsbereiten Menschen gehofft :)), nach einem echt fiesen, 40minütigen Abstieg (Gott, was liebe liebe liebe ich meinen Wanderstock!) sieht Hausach ein wenig freundlicher aus – zumindest die Innenstadt.

Ich besorg mir endlich Bargeld (hatte ich schon erwähnt, dass ich einfach gar keine Ahnung hatte, wie es so um die Infrastruktur auf dem Westweg aussieht?) und beschließe zunächst, das mit Kaffee und Kuchen zu feiern. Es ist 16 Uhr, perfekte Zeit, vor allem nach über 18 Kilometern, 4h 25min laufen und dem Wissen, dass es heut und morgen quasi nur noch bergauf geht (über 1000 Höhenmeter, Freunde!).

Und hier kommen die kleinen, so wichtigen Entscheidungen ins Spiel. Ich komme auf einen zentralen Platz, links ein Café, rechts ein Café. Ich entscheide mich, als ich schon fast dran vorbei zum anderen gelaufen bin, doch noch für das Marktcafé. Warum? Weil da ’selbstgemacht‘ dran steht, das ist der einzige Grund. Und ein verdammt guter, denn nicht nur der Kaffee (Bio, klar) ist glaube ich der beste, den ich je getrunken habe, und auch der Rüblikuchen (schöne Grüße an Familie Andes :)) ist ausgezeichnet. Nei

n, es ist schon deshalb die genau richtige Entscheidung, weil die Chefin und ihre Schwester von hier sind und mir auf meine Nachfrage nach einem netten Hof einen wertvollen Tipp geben können.

Hätte die Bedienung in dem anderen Café das auch? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Mit Sicherheit hätte es nicht die Traum-Kombination überragender Kaffee, großartiger Kuchen UND hilfreicher Tipp gegeben. Wie auch immer, die Dame sagt mir, dass es kurz oberhalb der Burg Husen (die ist circa 2 Kilometer den Berg ’nauf) den Fuggishof gibt, der Bauer dort würde mich bestimmt auf der Wiese zelten lassen. Na das hört man doch gern, sprichst und packt die Sachen zsammen!

Na

ch ein paar Schritten sackt mir dann das erste Mal das Herz in die Hose: Siedendheiß frag ich mich, warum meine Hand so leer ist? Mein Stock! Ich habe ihn irgendwo stehen gelassen! Nicht, dass ich ihm schon ein Gesicht gemalt, ihn Wilson genannt habe und mit ihm red, aber er geht mit mir über Stock und Stein – das will was heißen. Gott sei Dank finde ich ihn friedlich angelehnt neben dem Bankautomaten. Was wohl die Putzkräfte der Bank gedacht hätten, was die Leute so alles zum Geldholen stehen lassen…

Ber

uhigt und bekräftigt gehe ich die letzten Höhen- und Kilometer an, vor allem Höhenmeter! Mensch Meier, ich bin echt froh über jeden Meter in die Höhe, den ich heute mache, und ihn mir dafür morgen sparen kann (nochmal: 1000 Höhenmeter!). Trotz grauem Himmel ist es putterwarm und ich komme ziemlich K.O. am Hof an. Der Fuggishofer denkt erst, ich würde den Weg suchen (ich mich verlaufen? Pah! ;)), doch nachdem ich meine Bitte vortrage, ist er genauso erfreut wie ich mir erhofft hatte: „Wanderern helfen wir immer gerne. Wanderer gehören schließlich nicht auf die Straß!“ Und zack, zeigt er mir kurz oberhalb des Hofes eine kleine lauschige Lichtung (im Katalog würde stehen: idyllische Lage, ruhig, mit Blick auf das Tal und die Schwarzwaldberge), wo ich innerhalb von 7 Minuten mein Zelt hingepflanzt habe. Freu! 🙂

Auf

 dem Kocher werden noch Nudeln mit Bärlauch-Pesto aus dem Schwarzwald-Laden gemacht (das hält, was es verspricht!), es ist so mild, dass ich lange draußen die Lage meiner Ein-Personen-Suite genießen kann. Etwas später kommt noch die Tochter des Hofs vorbei und fragt, ob ich noch was brauche – ehrlich, Menschen sind so nett, wenn man sie einfach nur lässt.

Aber, ich fühle mich rundum pudelwohl, und sage: Gute Nacht!

Erkenntnis des Tages: Jeder findet seine Tour, um auf Touren zu kommen.

Geschafft: 22,72 Kilometer, 5 h 13 min., Aufstieg: > 600 Hm, Abstieg: > 600 Hm. Harkner Hof – Fuggishofer Lichtung.

 

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